Fachkräftemangel? Warum Erfahrung kein Makel ist – Das ungenutzte Potenzial der Ü50-Führungskräfte

27. April 2026

Autor: Dirk Picklaps, Partner bei EINWERK Consulting

 

„Wir haben einen massiven Fachkräftemangel!“ – „Super, ich habe hier drei exzellente Kandidaten für die Führungsrolle. Alle hochqualifiziert, erfahren und sofort verfügbar. Einziger Haken: Sie sind über 50.“ – Stille.

 

Es ist ein Paradoxon, das mich in meiner täglichen Arbeit als Partner bei EINWERK immer wieder fassungslos macht. Auf der einen Seite klagen Unternehmen branchenübergreifend über den eklatanten Mangel an qualifizierten Führungskräften, insbesondere in anspruchsvollen Bereichen wie dem Supply Chain Management und dem Einkauf. Auf der anderen Seite erlebe ich regelmäßig, wie Lebensläufe von herausragenden Kandidatinnen und Kandidaten aussortiert werden, sobald die magische „5“ vorne steht. In diesem Artikel beleuchten wir die Hintergründe dieses Widerspruchs, betrachten die alarmierenden Zahlen und zeigen auf, warum Unternehmen dringend umdenken müssen.

 

Die harte Realität: Altersdiskriminierung in Zahlen

Die systematische Benachteiligung älterer Bewerberinnen und Bewerber ist kein subjektives Empfinden, sondern empirisch belegt. Eine repräsentative Umfrage des Meinungsforschungsinstituts GMS im Auftrag der Antidiskriminierungsstelle des Bundes ergab, dass 45 Prozent der Menschen in Deutschland über 16 Jahren bereits Altersdiskriminierung erfahren haben [1]. Besonders gravierend ist die Situation am Arbeitsplatz: 39 Prozent der Betroffenen gaben an, bei der Jobsuche oder im Beruf aufgrund ihres Alters benachteiligt worden zu sein [1].

 

Auch aktuelle Daten von Stepstone untermauern dieses Bild eindrucksvoll. Demnach wird eine von vier Personen über 50 Jahren und sogar zwei von fünf Personen über 60 Jahren ausdrücklich aufgrund ihres Alters bei Bewerbungen abgelehnt [2]. Erschreckend ist zudem die Haltung vieler Personalverantwortlicher: 50 Prozent der Recruiterinnen und Recruiter halten Kandidatinnen und Kandidaten ab 55 Jahren schlichtweg für „zu alt“ [2]. Diese Zahlen verdeutlichen ein tief verwurzeltes Problem in der deutschen Rekrutierungslandschaft.

 

Altersgruppe Anteil der abgelehnten Bewerber (aufgrund des Alters)
Über 50 Jahre 25 % (1 von 4)
Über 60 Jahre 40 % (2 von 5)

Tabelle 1: Altersbedingte Ablehnungsquoten im Bewerbungsprozess (Quelle: Stepstone Studie 2024 [2])

 

Der demografische Wandel duldet keinen Aufschub

Während Unternehmen zögern, erfahrene Fachkräfte einzustellen, tickt die demografische Uhr unaufhaltsam. Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) prognostiziert, dass bis zum Jahr 2036 rund 16,5 Millionen Babyboomer das gesetzliche Renteneintrittsalter überschreiten werden [3]. Im gleichen Zeitraum strömen jedoch nur etwa 12,5 Millionen erwerbsfähige Personen auf den Arbeitsmarkt nach [3]. Diese Lücke von vier Millionen Arbeitskräften wird den bestehenden Fachkräftemangel massiv verschärfen.

 

„Die anstehende Welle der in Rente gehenden Babyboomer wird zu Verwerfungen auf dem Arbeitsmarkt führen. Die Politik muss nun Prioritäten setzen und geltende sowie neue Gesetze hinsichtlich möglicher Auswirkungen auf das Arbeitskräfteangebot prüfen.“ – Holger Schäfer, IW-Ökonom [3]

 

Angesichts dieser dramatischen Entwicklung können es sich Unternehmen schlichtweg nicht leisten, das enorme Potenzial der Ü50-Generation brachliegen zu lassen. Wer heute noch Lebensläufe aufgrund des Geburtsdatums aussortiert, gefährdet die eigene Wettbewerbsfähigkeit von morgen.

 

Warum Erfahrung ein unschätzbarer Wettbewerbsvorteil ist

Warum existieren diese Vorbehalte überhaupt? Sind es unbewusste Vorurteile? Die Angst, dass erfahrene Führungskräfte „zu teuer“ oder „nicht mehr formbar“ sind? Oder die Sorge, dass sie nicht in ein jüngeres Team passen könnten?

 

Fakt ist: Ü50-Kandidaten bringen Eigenschaften mit, die in der heutigen, von Krisen und Transformationen geprägten Wirtschaftswelt (Stichwort: VUCA) unverzichtbar sind. Sie verfügen nicht nur über jahrzehntelange fachliche Expertise und ein tiefes Verständnis für komplexe Zusammenhänge, sondern bringen oft auch eine Resilienz und Gelassenheit mit, die in stürmischen Zeiten Gold wert sind. Sie haben tiefgreifende Transformationen nicht nur in der Theorie studiert, sondern in der Praxis durchlebt, gestaltet und erfolgreich umgesetzt.

 

Besonders in erfolgskritischen Bereichen wie dem Supply Chain Management, wo globale Lieferketten zunehmend fragiler werden und strategische Weitsicht gefordert ist, ist diese gelebte Erfahrung ein entscheidender Erfolgsfaktor.

 

Der EINWERK-Ansatz: Organisations-Architektur statt Lebenslauf-Verwaltung

Als Organisations-Architekten bei EINWERK sehen wir unsere Aufgabe nicht nur darin, offene Positionen zu besetzen. Unser Ziel ist es, Unternehmen dabei zu helfen, die richtigen Entscheidungen für ihre zukunftssichere Aufstellung zu treffen. Und das bedeutet unweigerlich, eingefahrene Denkmuster aufzubrechen.

 

Wir glauben fest an das Konzept des „Keystone Fit“ – die perfekte, nachhaltige Passung zwischen Kandidat und Unternehmenskultur. Dieser Fit ist keine Frage des Alters, sondern eine Frage der Einstellung, der gemeinsamen Werte und der fachlichen sowie methodischen Kompetenz. Ein Fehlgriff bei der Besetzung einer Führungsposition (Mis-Hire) ist um ein Vielfaches teurer als die Investition in eine erfahrene, passgenaue Führungskraft.

 

Es ist an der Zeit, dass wir aufhören, das Alter als Makel zu betrachten. Wir müssen anfangen, Erfahrung als das zu schätzen, was sie wirklich ist: ein unschätzbarer Wettbewerbsvorteil.

 

Lassen Sie uns gemeinsam den Blick weiten. Wenn Sie vor der Herausforderung stehen, kritische Führungspositionen im Supply Chain Management oder Einkauf zu besetzen, lassen Sie uns ins Gespräch kommen. Wir bei EINWERK – ausgezeichnet vom Handelsblatt als „Beste Personalberatung 2024“ [4] – unterstützen Sie dabei, nicht nur Lebensläufe zu sichten, sondern das wahre Potenzial von Führungspersönlichkeiten zu erkennen und für Ihren Unternehmenserfolg nutzbar zu machen.

 

 

 

Quellenverzeichnis

[1] Xpert.digital (2026). Age discrimination? Germany’s absurd labor market paradox. Abgerufen von https://xpert.digital/en/germany-s-absurd-labor-market-paradox/ [2] Stepstone (2024). Altersdiskriminierung am Arbeitsplatz betrifft 1 von 4 Personen über 50. Abgerufen von https://www.stepstone.de/e-recruiting/hr-wissen/arbeitsmarkt/altersdiskriminierung-am-arbeitsplatz/ [3] Institut der deutschen Wirtschaft (2024). Arbeitsmarkt: Fast 20 Millionen Erwerbstätige erreichen bis 2036 das Renteneintrittsalter. Abgerufen von https://www.iwkoeln.de/presse/pressemitteilungen/holger-schaefer-philipp-deschermeier-fast-20-millionen-erwerbstaetige-gehen-bis-2036-in-rente.html [4] EINWERK Consulting (2024). EINWERK im Handelsblatt: Vom Headhunter zum Organisations-Architekten. Abgerufen von https://www.einwerk-consulting.de/blog/einwerk-im-handelsblatt-vom-headhunter-zum-organisations-architekten/